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Ein Exkurs von Chris Lorenz – Konstruktion der Geschichte durch Sprache, Teil 2

Chris Lorenz hat probiert das Problem, oder besser gesagt den Fakt, dass die Geschichte eine sprachlich konstruierte ist, in ein Schema zu packen. Diese Quelle ist bereits eine Konstruktion, eine Konstruktion von demjenigen, der diese Quelle „verfasst“ oder mündlich weitergegeben hat.

Der Augenzeuge betrachtet ein Ereignis nach gewissen Gesichtspunkten, aus einer bestimmten Perspektive heraus. Das Problem ist demnach, dass jeder Autor bereits eine „Übersetzung“ mitliefert, da er ein Ereignis nur unter bestimmten Gesichtspunkten betrachtet. Der Historiker bearbeitet demnach eine schon vorinterpretierte Quelle und versucht an dieser herauszufinden und darzustellen, wie sich die Geschichte wirklich abspielte. Er rekonstruiert das Ereignis und versucht es rekonstruiert darzustellen.

An dieser Stelle wären Anhänger des klassischen Empirismus wiederum anderer Meinung. Nach ihrer Auffassung ist diese Ansicht falsch, da das Subjekt immer austauschbar ist. Jeder besitzt den gleichen Erkenntnisapparat und ist, unabhängig von Zeit und Ort, auch austauschbar. Konsequenz einer solchen Ansicht ist, dass das Erkenntnissubjekt als dem Objekt passiv gegenüberstehend gedacht wird. Die Sinneswahrnehmung wird als Fundament der Erkenntnis angesehen. Dagegen spricht, dass die Sinneswahrnehmung immer vom jeweiligen Begriffsrahmen, also der Sprache, abhängig ist.

Das Problem der objektiven Erkenntnisgewinnung hat in der Wissenschaft dazu geführt, dass die Annahme von einer universellen Wahrheit aufgegeben wurde. Man kann demnach von mehreren Wahrheiten ausgehen, die nebeneinander existieren (Relativismus).

Wenn über Fakten und Wirklichkeiten gesprochen wird, so sind diese immer als Fakten und Wirklichkeiten innerhalb eines Begriffsrahmens zu verstehen. Der Beobachter selektiert nach seinen Gesichtspunkten und in seiner Sprache. Er liefert eine Übersetzung mit, die in sein sprachliches Raster passt. Die Sprache ist die Ebene, auf der der Beobachter die Wirklichkeit wahrnimmt.

Begriffe wie Fakten und Tatsachen z.B. lassen uns auf Aussagen, und in der Geschichte auf Ereignisse schließen. Das Interpretieren dieser Fakten gilt als ein weiteres Kernproblem der Geschichtstheorie. Bis weit in das 20. Jahrhundert hinein wurden Fakten gemeinhin mit Ereignissen identifiziert. Fakt ist beispielsweise, das der erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 andauerte. Das Ereignis ist also der erste Weltkrieg. Diese Art von Ereignissen kennzeichnet eine räumliche und zeitliche Begrenzung. Der Fakt ist sozusagen gleich das Ereignis.

Fakt ist aber auch, dass es weitaus komplizierter wird, wenn man über Phänomene wie Bevölkerungszuwachs oder Arbeitslosigkeit spricht. Diese sind nicht explizit an einem Ereignis festzumachen. An diesem Punkt wird das Ereignis also nicht an einem Individuum konstruiert, sondern viel mehr an einer Begriffswelt. Man kann das Ereignis nur verstehen, wenn man den dazugehörigen Begriffsrahmen kennt. Man muss demnach wissen, welche Art von Phänomen unter den betreffenden Begriff fällt. Es ist konzeptuelles Wissen erforderlich, um die Fakten interpretieren zu können.

„So wie das Netz bestimmt, welche Fischsorte gefangen wird, so bestimmt auch das ‚Begriffsnetz’ des Historikers, welche Sorte Fakten er an Land zieht.“ (E.H. Carr) Es erweist sich demzufolge als schwieriger, wenn es sich nicht um Fakten eines Individuums handelt, sondern wenn sich Fakten auf Kollektive und Gruppen beziehen. Diese Fakten haben meist Eigenschaften, die nicht auf ein Individuum anwendbar sind.

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