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Anglizismen – Pro und Contra!

„Die meisten modernen Anglizismen oder Anglo-Amerikanismen, sind Internationalismen“ (Polenz 1999: 402). Gemeint ist, dass die meisten der gängigen Anglizismen nicht auf das Deutsche begrenzt, sondern vielmehr auf der ganzen Welt anzutreffen sind. Der Schrei nach sprachliche Regulierung in Deutschland scheint demnach nutzlos, da Anglizismen global betrachtet werden müssen.

„Das Anglizismen- Problem in einem nationalen Kraftakt anzugehen führt am Kern der Sache vorbei: Die Entwicklung des Englischen auf internationaler Ebene.“ (Lange 2003: 80). Ein Beispiel für Internationalismen ist dt. Tourismus, engl. tourism, frz. tourisme, ndl. toerisme, dän. turisme, schwed. turism, ital., span. turismo, tschech. turistika usw. (vgl. Polenz 1999: 399f).

Kritiker sehen in Anglizismen ein großes Problem, welche zur Verarmung der deutschen Sprache und zum Verfall der gesamten, europäischen Sprachkultur führen kann. Einige der Hauptvorwürfe der Fremdwort-Gegner sind, dass Anglizismen zu ungenau sind und Missverständnisse erzeugen. Größtenteils würden sie unverstanden bleiben und deutsche Wörter verdrängen. Beispiele wären hierfür Baby on Board für Kind im Auto oder auch Shop für Laden.

Viele in Deutschland verwendete Anglizismen werden weiterhin als schlichtweg überflüssig gehandelt, wobei es weniger um die Pseudo-Anglizismen geht – ihnen wird eher eine relativ kurze Überlebensdauer zugerechnet und eine Begrenzung auf bestimmte Bereiche, vor allem auf die der Jugendkultur (vgl. Schütte 1996: 362). Vielmehr geht es um die von den deutschen Pressestellen verbreiteten Anglizismen wie z.B. dem „Spiegel“, der ohne weiteres auch adäquate, deutsche Entsprechungen verwenden könnte. Überhaupt wird der Spiegel als ein Haupteinfallstor für Anglizismen in Deutschland gesehen (vgl. Carstensen 1965: 22). Eine gute Arbeit zu diesem Thema verfasste Yang (1990), der den „Spiegel“ zu dem stärksten, Anglizismen verbreitenden  Presseorgan in Deutschland zählt und seine offenkundige Anlehnung an das amerikanische Blatt „The Times“ nicht verleugnet.

Weitere Kritikpunkte sind, dass Anglizismen schlichtweg falsches Englisch sind, dass sie unschön im deutschen Wortschatz aussehen und dass sie zum modischen Nachplappern verleiten. Als generell für überflüssig angesehene Anglizismen werden angel, beach, candy, face, heavy, hip, money, party, run, shit, top, vision, wellness gezählt (vgl. Pogarell/ Schröder 2000).

Die Befürworter der Anglizismen stützen sich auf zwei wesentliche Argumente. Das eine ist, dass die meisten Anglizismen Internationalismen sind, und zum zweiten, dass den meisten wirklichen Anglizismen nur eine sehr kurze Überlebensdauer zugeschrieben wird (vgl. Plümer 2000: 18). Viele der heute gängigen Anglizismen sind keine allein auf den deutschen Wortschatz beschränkte Eigenart, sondern eine globale Erscheinung. Wörter wie Hotel, Museum, Theater, Liter, sozial sind auf der ganzen Welt sehr ähnlich (Schmitz 2001: 54).

Anglizismen, die vorwiegend in der Jugendkultur, in den Medien und in der Werbung anzutreffen sind, werden auf Grund der Schnelllebigkeit dieser Bereiche generell eine kurze Überlebensdauer im Deutschen eingeräumt. Der einzig, wirklich zu bemängelnde Aspekt ist der, dass Anglizismen unreflektiert und aus reiner Bequemlichkeit heraus übernommen werden (Bär 2000: 20).

Ein mehr abstraktes „Pro“ Argument ist, dass es zu einer Begriffsdifferenzierung durch Anglizismen kommen kann, wie es bei dem Wort kids für Kinder der Fall ist. Hier trat keine Verdrängung des deutschen Wortes ein, sondern eine Wortschatzerweiterung.

Ein weiteres, gutes Beispiel ist das Wort realisieren von to realize, welches keinesfalls nur mit verwirklichen zu übersetzen ist. Vielmehr bedeutet es auch sich klar werden, verinnerlichen und bewusst machen. Anglizismen ersetzen also keineswegs ausschließlich deutsche Wörter, sie erweitern und bereichern den deutschen Wortschatz sogar in vielen Fällen. Auch bedeutet z.B. relaxen nicht das Gleiche wie entspannen.

Ist denn entspannen das gleich wie sich entspannen? Ist es nicht viel mehr so, dass hier ein neues Wort gefunden wurde, den Begriff entspannen noch eindringlicher zu beschreiben? „Sich entspannen“ zielt viel mehr auf das ab, was man mit „sich“ machen kann, als der allgemeine Begriff „entspannen“.

Ein weiteres Wort, was sich vor allem in der Jugendkultur großer Begeisterung erfreut ist das Wort chillen für relaxen. Doch auch chillen bedeutet nicht nur relaxen/ sich entspannen. Viel mehr ist es ein kulturspezifischer Ausdruck der Jugend, der ihre Form der Entspannung am besten zu beschreiben vermag. Es kann folglich keine exakte, wörtliche Bestimmung im Deutschen haben, da auf diese Weise die Lokalkolorität einer bestimmten Subkultur (Jugendkultur) wiedergegeben wird.

Im Allgemeinen werden alle drei Varianten gleichberechtigt gesprochen, was bedeutet, dass der deutsche Wortschatz um weitere Ausdrucksmöglichkeiten erweitert wurde. In bestimmten Bereichen ist es also nicht dienlich, deutsche Entsprechungen für englischsprachige Wörter erfinden zu wollen, da sie das Lokalkolorit dieses spezifischen kulturellen Begriffs zerstören würde. Chillen hat kein adäquates Pendant im Deutschen, sondern dient als kulturspezifische Eigenart und als Ausdrucksmittel für eine Mentalität.

Auch einen Scanner, im wörtlichem Sinne mit Abtastegerät zu übersetzen, würde ihm nicht gerecht werden und das, was er tut, nämlich to scan, „seinen Blick prüfend und gleichmäßig über einen Gegenstand hin und her schweifen lassen“, kann nicht mit abtasten allein übersetzt werden (vgl. Zimmer 1998: 27). Weiterhin wäre es sinnlos, eine Fremdworteindeutschung mit kulturspezifischen Wörtern wie High School oder auch Buckingham Palace, durchzuführen, denn sie würden nie dem gerecht werden, was diese in der Geberkultur bedeuten. Mit der technischen und wissenschaftlichen Entwicklung der Welt, hat sich auch das Tempo der Sprachentwicklung erhöht und es verbleibt kaum mehr Zeit für die Suche nach etwaigen deutschen Entsprechungen (vgl. Zimmer 1998: 19).

Siehe dazu auch: Motive für Anglizismen.

Anglizismen – Verarmung der deutschen Sprache?

Ist die deutsche Sprache nun im Begriff zu verarmen und sogar dem Untergang nahe? Lässt in Deutschland die noch weit verbreitete, pure Assimilierung englischsprachiger Anglizismen jegliche Phantasie, mit der eigenen Sprache schöpferisch umzugehen, verloren gehen? Diese Fragen fassen in ihrem Kern zusammen, wo sich die Angst vieler so genannter Sprachpfleger konzentriert.

Vor allem die Jugend bildet in den Augen der Kritiker, eher neue Worte aus englischem Morphemmaterial, als dass sie es aus deutschem tun. Dazu sei gesagt, dass die französischen und auch die lateinischen Einflüsse auf das Deutsche keineswegs zu einem Sprachverlust geführt haben, obwohl sie stellenweise eine viel größere Verbreitung innerhalb der Gesellschaft genossen. Selbst von der politischen Führung der Deutschen im 18. Jahrhundert wurde Französisch als quasi zweite Amtssprache gebraucht.

Darüber hinaus sind viele Worte, die heute als „reines“ Deutsch bezeichnet werden, irgendwann einmal aus der lateinischen, der englischen und der französischen Sprache entlehnt worden und haben der deutschen Sprache nicht geschadet, sondern deren Wortschatz erweitert (Fremdwörter und Entlehnungen).

Sprachwandel ist eine Tendenz, der jeder Sprache unterworfen ist. Sprache ist kein einheitlicher Kanon, sondern ein dynamischer Prozess, der ständigem Druck, Trends und Debatten ausgesetzt ist. An Hand der Geschichte der deutschen Sprache zeigt sich, dass der Sprachkontakt in Deutschland einen speziellen Weg beschritten hat, der aus der Geschichte des deutschen Sprachraums seit dem späten Mittelalter hervorgeht.

Aus statistischer Sicht ist der Sprachkontakt der englischen Sprache mit der deutschen Sprache relativ gering. Auf einen Wortschatz mit ungefähr 300000 bis 500000 Wörtern kommen nach Busse und Carstensen (Busse 1999: 19) ca. 3500 reine Anglizismen. Über 100 Millionen Menschen auf der Welt sprechen Deutsch als ihre Muttersprache und werden es auch in Zukunft sprechen. In Europa ist Deutsch die meist gesprochene Sprache – in puncto Muttersprache.

Die Angst, dass man in Hundertjahren nicht mehr ohne weiteres einen Nietzsche oder einen Goethe versteht erscheint dennoch übertrieben. Auch kein Engländer der Neuzeit würde heute einen Engländer des 13. Jahrhunderts komplett verstehen, wenn er nicht ein Experte auf dem Gebiet der Sprache wäre. Sprache ist ein dynamischer Prozess, ein Anpassungsprozess, nicht regulierbar und immer ständigem Wandel ausgesetzt. Dass dieser Aspekt im Deutschen besonders auffällig ist, heißt nicht, dass die deutsche Sprache verarmt. Auch unterschätzen offensichtlich viele Kritiker die Macht einer Sprache und einer Sprachgemeinschaft. Nicht ein regulierendes System sorgt für die Verbreitung oder Eindämmung einer Sprache, sondern die Sprachträger selbst.

Anglizismen als Ausdruck neuer Jugendkultur

Eine weiterhin sehr beliebte These ist, dass für die Verarmung der deutschen Sprache die Jugend mit ihrer starken Orientierung auf die amerikanische Kultur verantwortlich ist. Sie stehen in der Kritik keine eigene Kultur hervorzubringen, sondern die amerikanische Kultur zu kopieren. Anglizismen dienen ihnen dazu als Ausdrucksmittel.

Dass nun vermehrt die amerikanische Kultur kopiert und übernommen wird, ist eine Tendenz, die sich seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges zeigt und zunehmend durch die seit den 90er Jahren zu uns gelangte Hip Hop Szene und generelle aus den Vereinigten Staaten gelangten Musikrichtungen dargestellt wird.

Es scheint dennoch übertrieben gleich von einem Verfall der deutschen Sprache zu reden, denn eine fundamentale Eigenschaft von Jugendkulturen auf der ganzen Welt ist die relative Kurzlebigkeit dessen, was als „In“ und „Angesagt“ gilt. Schon heute ist eine rückläufige Bewegung zu entdecken, da durch den Diskurs, der um die Anglizismen entstanden ist, viele Anglizismen selbst von der Jugend als nicht mehr zeitgemäß, „uncool“ und „überflüssig“ eingestuft werden.

Englisch ist im Begriff „Out“ zu werden und in Deutschland kommt es gerade auf vielen Gebieten dazu, dass sich wieder zu deutschen Worten und zur deutschen Sprache bekannt wird. In der Musik profitieren davon vor allem der Hipp Hopp und  Rock Bands wie z.B. „Wir sind Helden“, „Sportsfreunde Stiller“ und „Mia“.

Die Entwicklung zeigt, dass sich die EU zu einem gemeinsamen, geistig-kulturellen Raum mit offenen Grenzen und vielfältigsten Verflechtungen auf allen Gebieten entwickelt (vgl. Bär 2000: 20). Die europäische Integration schreitet voran und mit ihr auch die sprachliche, was allerdings nicht zwangsläufig dazu führen muss, das sich bestimmte Einzelsprachen auflösen. Durch die fortschreitende, europäische Integration rücken auch die Sprachen näher zusammen. Auch wenn ein enormer Einfluss seitens des englischen auf den deutschen Wortschatz nicht zu verleugnen ist, kann dieser nicht als Sprachverfall fördernd angesehen werden. Man kann durchaus von einem positiven Einfluss des Englischen auf die deutsche Sprachkultur sprechen, vor allem durch Wortschatz-Erweiterungen und Begriffsdifferenzierungen (Carstensen 1965).

Fakt ist gleichzeitig, egal wie eng vor allem europäische Kulturen mit einander verschmelzen, gesprochen wird untereinander Englisch.

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