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Der Weg des Bieres

Der Weg des Bieres

Stuard, Rick, Steve, Mitch, Jack.

Fünf Männer um die 28 mit den unterschiedlichsten Lebensgeschichten aber einer langen gemeinsamen Vergangenheit auf Reisen.

Jedes Jahr um Pfingsten sehen wir uns wieder. Hätte Mitch nicht einfach ein Hotel gebucht und Zugtickets gekauft, hätte es unseren Ausflug dieses Jahr wohl nicht gegeben. Das Ziel: Erlangen „Berg Kirchweih Fest“.

Was brauche ich für drei Tage gepflegt Bayrisches Bier trinken und viel und fettig Essen? Ein Rucksack sollte ausreichen. Ich schmeiße ein paar Shirts, eine kurze Hose und lieber einmal mehr Unterwäsche in den Sack. Es ist kurz vor Sieben und das Taxi wartet wahrscheinlich schon. Ich stürme die Treppe herunter indem ich zwei Stufen auf einmal nehme, werfe mich gegen die schwere Haustür meines Altbaus. Draussen wartet – wie erwartet – der beige Mercedes Benz darauf mich zum Hauptbahnhof zu bringen. Ich steige ein und werfe die Tür hinter mir zu. Dem Herrn mit der kahlen Stelle auf dem Kopf erkläre ich das wir noch nach Prenzlauer Berg müssen. Im Veganer-Viertel sammeln wir noch jemanden auf und dann weiter zum Hauptbahnhof. Fröhlich knurrt er mir ein „allet klar“ zu und schon werde ich sportlich in den schwarzen, abgesessenen Ledersitz gedrückt. Nach fünf Minuten Fahrt sehen wir Stuard auf sein iPhone starrend vor dem Schaufenster für vegane Schuhe stehen. Er wirft sich den blauen Stoffbeutel über die Schulter und fließt langsam auf den Sitz neben mir. Stuard hat die großartige Eigenschaft fünf Minuten vor Ankunft  des Taxis aufzustehen und trotzdem immer pünktlich zuzusteigen. Stu ist in bester Laune. Er grinst mich an und öffnet seinen Beutel um mir seinen Schatz zu zeigen. Im Dunkel des Jutesacks glänzen die Oberflächen von fünf Dosen „Faxe“, für die – um sie zu besorgen – er gestern schwerste Anstrengungen auf sich nehmen musste, denn fünf Faxe bekommt man im Öko-/Bioparadies Deutschlands nicht einfach so.

Voller Vorfreude auf das Bier im güldenen Hipstertäschchen fahren wir zum Bahnhof. Wir schließen die typischen Wetten ab, wer den Zug verpasst, wer rum heult oder wer seine Reisetasche für zwei Nächte komplett in den Hotelschrank einräumen wird. Am Bahnhof angekommen erlösen wir den Taxifahrer von unseren beginnenden Biergesprächen und stellen uns in die gemütliche Morgensonne vor den Eingang. Mit Zigarette im Mundwinkel beobachte ich die Menschen die halb acht Uhr Morgens den Vorplatz bevölkern. Fünf Meter neben uns steht eine Gruppe komisch aussehender Spanier. Einer mit grünen Haaren, buntem Sakko und RayBen Sonnenbrille sticht dabei besonders hervor. Dicht daneben steht ein Obdachloser mit dem „Straßenfeger“, flankiert von einem bulligen Mittzwanziger mit Sterni in der Hand. Leicht schwankend redet er unentwegt auf ihn ein, er solle an sich glauben, es werde schon alles wieder gut. Während ich mir den betrunkenen Bullen anschaue denke ich mir dass er gut und gerne Mitarbeiter des Arbeitsamtes mit Helfersyndrom sein könnte. Er sieht auch genau so beängstigend aus. Wir stellen uns ein wenig abseits denn nichts läge uns zu dieser Uhrzeit ferner als nüchtern mit einem betrunkenen Beamten zu reden.

Die erste Wette wurde als nichtig erklärt als Rick und Steve aus dem Eingang treten und sich neben den stinkenden und qualmenden Aschenbecher stellen. Wie zu Hause. Stuard und ich gehen rüber und die wilde Begrüßungszeremonie beginnt. Wildes Gedrücke, starkes Rückengeklopfe und auch leichte Streicheleinheiten werden ausgetauscht. Dann auch nochmal über Kreuz. Rick ist wieder gewachsen und überragt mich mittlerweile um mehr als zwei Köpfe.

Stu präsentiert auch hier seine Beute im metallen Ein-Liter-Gewand und wir merken es wird ernster. Wir schlendern gemütlich zu unserem Gleis und suchen den Wagon der ersten Klasse. Wenn schon Zug dann richtig. Wir finden unser Abteil und ich setze mich in Fahrtrichtung an das Fenster im Gang. Steve, Rick und Stu nehmen den Dreiertisch, der das Abteil vom Rest des Zuges abtrennt. Pünktlich um 07:54 fährt der ICE Rudolf Scharping los in Richtung München Hauptbahnhof. Die Zugführerin begrüßt uns freundlich über die Lautsprecher und informiert uns über die nächsten Stationen. Nach fünf Minuten fahren wir langsam in Südkreuz ein. Die Türen öffnen sich und Mitch schreitet durch die Automatisch- pneumatische Abteiltür. Er zieht einen kleinen schwarzen trolley  hinter sich her und blickt uns mit einem breiten Grinsen an. Das Begrüßungsritual wiederholt sich und nach weiteren 5 Minuten drücken, knudeln, Finger ins Poloch pieksen setzt sich Mitch zu mir.

Die fröhlichen Fünf sind vereint und so kann nun auch endlich der erste Liter Bier unserer kleinen Tour geöffnet werden. Es ist 08:02 Uhr. Jack und Steward zieren sich noch leicht, wollen sich erst einmal ein Faxe teilen. Natürlich müssen wir sie dafür belächeln und verhöhnen, aber die beiden lassen sich von ihrem Pärchenbier nicht abbringen. In den nun folgenden 6 Stunden bauen wir ein inniges Verhältnis zum Fahrgastbegleiter der 1.Klasse auf in dem wir in regelmäßigen Abständen Bitburger aus dem Board-Restaurant bestellen…

… von da an können die Erlebnisse nicht mehr rekonstruiert werden, es folgen drei besinnungslose Tage…

… Ankunft Berlin – Hauptbahnhof. Völlig fertig von Frau Müller – unserer Zuggastbegleiterin – falle ich einen beigen Mercedes, der Glatzköpfige schaut mich an: „Weißensee?“

„Jupp.“

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